Provinzforschung rated: AA+ rau
Ein Bericht von Auslandskorrespondent Thomas S.
Am Freitagabend startet ein Zweierteam zur Exkursion nach Aarau. Wir hatten schon einiges gehört über Kultur und Brauchtum der vergessenen Mitte zwischen Zürich und Basel, über den mit Kernkraft betrieben Nationalismus der Region und die schönen neuen Familiensiedlungen gefüllt mit rechtschaffenen Steuerflüchtigen, die für ein bisschen Ruhe auch vor Gewalt nicht zurückschrecken. Doch wir finden Anderes.
- Sind wir da wo Dj Antoine herkommt? (Sissach)
- Nein, Aarau Alter.
Der neue Bahnhof wird eingeweiht: eine langweilige Band von soliden Musikern spielt, vor einer zerstreuten, Wurst verzehrenden Masse, auf dem Vorplatz ein Cover der Girlband “En Vogue”:
….You have the right to lose control…..
Ein Wink mit dem Zaunpfahl und irgendwie unpassend zum grell erleuchteten Bahnhof mit dem grössten Bahnhofsuhrzifferblatt der Schweiz.
Wir fahren mit dem Bus nach Rombach (Agglo Aarau) zum Ausstellungsraum A7. Sauber gemachte Ausstellung mit guter Kunst und Performance in den Räumlichkeiten einer Schreinerei. Erst Häppchen, dann wird eine Tafel aufgebaut zum gemeinsamen Mahl der Kunstinteressierten.
“nämäd Ă„ssä, es hät no Bier gell! ”
Am Tisch bei gutem Essen war es uns doch etwas fad und wir geben uns als schwules Pärchen von San Francisco aus. Doch wir scheitern, S. verschwindet aus Peinlichkeit aufs Klo und kommt nicht wieder, die Leute hier sind einfach zu nett, zu unverstellt und ehrlich, man müsste schon richtig scheisse drauf sein um hier  eine Verarsche zu starten.
Alleine am Tisch, höre ich die Geschichte vom Weggehen und Wiederkommen:
“Ja in Frankreich und im Magreb haben wir gelebt aber dann Kinder, ja, der Mann, die Arbeit, war hald gäbig in Aarau und auch schön, oder?”
WehmĂĽtige Blicke.
Ich hole mehr Bier und schleiche mich weg.
Auf dem Weg zur einzigen ordentlichen Bar, der Garasche, werden mein Forschungspartner S. und ich immer wieder aufgehalten, fasziniert von bizarren architektonischen Überarbeitungen, eigenartigen Strassenmarkierungen, oder von wilden typographischen Experimenten auf Schaufensterscheiben.
S. fĂĽllt den Speicher seines IPhones mit verwackelten Nachtaufnahmen der Fundorte.
In der Garage gehts dann zur Sache: ich will den sagenumwobenen Enzianschnaps kosten.
M., eine der Ortskundigen die neben mir steht sagt:
“Gut, dann eben Enzian.”
Es spielen Teppich Mode aus Bern verschiedene Covers auf der Quetschkommode.
Der Barkeeper wiederholt ungläubig:
“Enzian?”
Und macht uns zwei ĂĽbervolle Gläschen: “So da habt ihr’s.”
Der erste Schluck ist hart aber auch eigen, es lässt sich mit Nichts vergleichen was ich bisher getrunken habe. Am ehesten trifft es die Beschreibung von S.: “Schmeckt wie eine Handvoll Kies mit Brennsprit.”
Aber ich mag es irgendwie. M. schüttet mir heimlich ihren Enzian in mein halbvolles Gläschen. Wir gehen raus um zu rauchen, reden über Einstein der in Aarau zu Schule gegangen ist. Darüber, dass es ganze Stadtführer für die bemalten Vordächer der Altstadt gibt, und dass man hier bei Tag einen schönen Ausblick in die Landschaft, also auf Gösgen und das Kernkraftwerk hat. Die Wolken-mach-Maschine.
“sdrsch!”
Ich kassiere die erste Ohrfeige des Abends.
Das spontane Ohrfeigen ist eine Angewohnheit der uns bekannten Aargauer.
Man ist ĂĽberzeugt, dass man durch ohrfeigen sein GegenĂĽber besser kennen lernt.
Der Ohrfeigen-Test:
Der Schlag von mittlere Stärke muss unbegründet sein und überraschend ausgeführt werden.
Gewertet wird der Schlag nach:
1. Sound, ein sauberes kurzes Klatschen ist am besten.
2. Nachbrennzeit, je länger je besser.
3. Die Reaktion des Getroffenen, die wiederum die Daten zur Ohrfeigen-Psychodiagnostik liefert.
a) wie lange lässt eine definitive Reaktion auf sich warten:
0.3s – 0.8s gut und spontan
ab 1.2s schwierig
über 2.5s gestört
b) wie ist die Reaktion:
Introvertiert: Verblüffung, Verstörung, Fragen stellen
Extrovertiert: zurĂĽckschlagen, lachen, im schlechtesten Fall schreien
Souverän: cool bleiben und warten bis die Zeit gekommen ist auszuteilen
Schwerwiegende Probleme offenbaren sich wenn die Reaktion verspätet einsetzt und dann übersteigert hervortritt wie z.B:
jemand bleibt mehrere Sekunden sitzen und wirft erst dann sein Bier theatralisch an die Wand.
Die Ohrfeigen gehen um. Es gibt viele Fehlschläge auf Ohren, Hals und Nasen.
Wir gehen wieder rein und bekommen einen Obstler aufs Haus weil wir den Enzian so tapfer getrunken haben.
Die Andern spielen im Nebenraum mit Spielzeugautos und ohrfeigen sich weiter.
Leider schliesst die Garasche, die wie der Ausstellungsraum A7 ein – must visit – fĂĽr den geneigten Aarau Besucher ist.
Wir ziehen “En Vogue” singend weiter ins Opium wo sich die Betrunkenen zum letzten Bier einfinden.
…You have the right to lose control. don’t let go….
Nach einigen Bieren im Opium und meinem Versprechen, dass ich die Welt vor den Autos retten werde, das ich einem AbgasprĂĽfer gegeben habe,
wanken wir auf den ersten Zug zurĂĽck nach Basel. S. ist frustriert und stinkig weil er das eindeutige Angebot einer netten Frau, bei ihr (trotz leichter Periode) Lager zu beziehen, abgelehnt hat. Aus GrĂĽnden die er selbst nicht zu kennen scheint.
Zuhause in Basel stellen wir fest, dass Aarau auf Facebook nur 44 Fans hat.
Das wird sich ändern.
frau änishänsli
Sonntag, 31. Oktober 2010, 10:37 Uhr
sonntagmorgenlol der feinen art. merci bot.
Blaubart
Sonntag, 31. Oktober 2010, 17:00 Uhr
Sdrsch – ein Enzian. Da dauert’s nicht mehr lang und das erste Angebot von Lonley Planet fliegt bot ins Haus.
Anonymous
Montag, 1. November 2010, 15:36 Uhr
oh yeah! danke…
dini muetter
Montag, 1. November 2010, 19:36 Uhr
einzian gibt imfall blaue flecken
ich bin au
Mittwoch, 3. November 2010, 22:05 Uhr
Ich hole mehr Bier und schleiche mich weg.
Auslandskorrespondent Thomas S. ftw





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